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Aufmerksamkeit für eine neue Mobilitätskultur

Netz aus Mitfahrbänken könnte Realität werden/Engagement für starke Buslinien

Frische Luft für frische Gedanken: Die Arbeitsgruppen zur nachhaltigen Mobilität fanden im Freien vor Elektroautos statt.
Frische Luft für frische Gedanken: Die Arbeitsgruppen zur nachhaltigen Mobilität fanden im Freien vor Elektroautos statt.

Erfde-Bargen „Mobilität ist im Wandel – auch auf dem Land“ dieses Fazit zieht Mobilitätsexperte Henrik Sander vom Hamburger Büro orange edge nach einem Workshop in Bargen. Vorträge von Prof. Dr. Heiner Monheim (Uni Trier), Torge Wendt (nordgröön Energie) und drei Arbeitsgruppen ergaben neben intensiven Diskussionen auch konkrete Projekte. Realisiert werden könnte etwa ein Netz aus Mitfahrbänken. Auch die Forderung nach einer starken Buslinie an der B203 war Thema.

„25 Prozent nutzen das Rad für Einkäufe, 36 Prozent teilen sich ein Auto oder nehmen sich gegenseitig mit. Und mehr als die Hälfte der Menschen wollen ihr Mobilitätsverhalten ändern“, erklärte Sander den mehr als 50 Teilnehmern die Ergebnisse eine Umfrage in der Eider-Treene-Sorge-Region. „Das ist deutlich mehr als ich gedacht hätte“, so der weiter. Neue Mobilität verbinde man immer noch mit den großen Städten, aber auch der ländliche Raum sei bereit für Neues. Sander, der in den zurückliegenden Monaten gemeinsam mit der Planersocietät aus Bremen, der AktivRegion Eider-Treene-Sorge und großer Bürgerbeteiligung ein Mobilitätskonzept für den ländlichen Raum erarbeitet hat, ist zufrieden mit dem Ergebnis: „Wir sind längst unterwegs zu einer neuen, klimafreundlichen Mobilität“, so Sander.

Marianne Budach, stellvertretende Vorsitzende der AktivRegion und Geschäftsführerin des Tourismusvereines Grünes Binnenland, bestätigte den Trend auch aus Sicht der Urlaubsgäste: „90 Prozent der Urlauber kommen mit dem Auto, ungefähr die Hälfte von ihnen würde gern andere Mobilitätsangebote nutzen,“ so Budach. Das, so Budach weiter, könnten zum Beispiel Leihmöglichkeiten für Fahrräder, E-Bikes oder auch Elektroautos sein. Aber auch die Buslinien könnten stärker frequentiert werden, etwa wenn Mitnahmemöglichkeiten für Zweiräder bestünden.

Für starke Buslinien warb aus dem Kreis der Teilnehmer Martin Sick aus Hamdorf. „Die Taktung an der B203 reicht gegenwärtig nicht aus“, so Sick. An der Landstraße zwischen Rendsburg und Heide liegen zahlreiche kleinere Ortschaften. Deren Bewohner, so Sick weiter, könnten aufgrund einer ungeeigneten Frequenz kaum auf den Busverkehr setzen. Derzeit fährt der Bus alle 2 Stunden. Sick möchte erreichen, dass dieser Takt verbessert wird. Auch von Gemeindeseite, so Sick, könne man einen Beitrag zu leisten, etwa durch Verbesserung der Infrastruktur. So könnte etwa eine Möglichkeit zum sicheren Abstellen von Fahrrädern die Nutzerzahlen erhöhen. „Multimodalität“ heißt das zugehörige Stichwort, mit dem sich auch der Vortrag von Prof. Dr. Heiner Monheim befasste.

Es zeichne sich heute wieder ein deutlicher Trend zum Kombinieren und Teilen von Verkehrsmitteln ab, sagte Mohnheim. Durch die in vielen Städten bereits etablierten Systeme wie Car-Sharing oder Bike & Ride-Stationen werde das Mobilitätsverhalten viel flexibler, und auch aus Umweltgründen mache die Multimodalität Sinn. Der Emeritus der Universität Trier wirbt unter anderem in Talkshows für eine engagierte und differenzierte Verkehrspolitik in Deutschland: Schluss mit dem Straßenbau, den öffentlichen Verkehr verdichten, mehr Arbeitswege für das Fahrrad erschließen, Verkehrsknotenpunkte stärken. Doch die Entscheider, laut Monheim meist „ältere Herren“, blieben Autofixiert und ÖPNV-Skeptisch. Dabei ist die Idee des Mitfahrens keineswegs neu: „Als es noch nicht so viele Autos gab, war es ganz normal Fahrzeuge gemeinsam zu nutzen und den Nachbarn mitzunehmen“, so der Professor. Er fordert diesbezüglich eine Verkehrswende und stellte zudem für die Eider-Treene-Sorge-Region fest: „Der ÖPNV bleibt unter seinen Möglichkeiten!“

Aus den anschließenden Arbeitsgruppen ergaben sich zahlreiche Ideen für umsetzbare Projekte. Großen Zuspruch fand die Idee der Mitfahrbänke, wie es sie bereits in Hürup gibt. Mit einem regionsweiten Netz könne zwar das Verkehrsproblem kaum gelöst, die Sensibilisierung für das Thema Mitfahren aber durchaus erreicht werden. Die meisten der anwesenden Bürgermeister und Gemeindevertreter zeigten sich grundsätzlich bereit, an einem Mitfahrbank-Netz teilzunehmen. Sander und seine Kollegen erarbeiten derzeit ein Konzeptpapier zur einheitlichen Umsetzung für die Gemeinden der AktivRegion.

Weitere Themen waren unter anderem lokale WhatsApp-Gruppen für Arztbesuche, die bessere Auslastung von Amts- und Gemeindebussen durch Carsharing-Systeme wie StattAuto und Mobilitätsstationen. Letztere sind Kombinationen aus verschiedenen frei kombinierbaren Elementen wie Fahrradstationen, Bushaltestellen, Carsharing-Parkplätzen, E-Ladesäulen und Mitfahrbänken – also die Orte, an denen Multimodalität gelebt wird. Solche Mobilitätsstationen, so Sander, könnten etwa an MarktTreffs und ähnlichen Versorgungszentren entstehen. Oder umgekehrt: Beispiele aus anderen Regionen zeigten, so Sander weiter, dass Mobilitätsstationen sich auch zu Treffpunkten entwickeln könnten. Auf lange Sicht haben Gemeinden so die Chance, aus einem einfachen Element wie der Mitfahrbank einen neuen Ortsmittelpunkt zu schaffen.

Einig waren sich alle Teilnehmer darin, dass für ernsthafte Effekte eine Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg notwendig sei. „Insellösungen sehen zwar gut aus, haben aber zu geringe Effekte“, sagte Sander. Um die Aufmerksamkeit von Medien, Politik und Bürgern für eine nachhaltige Mobilitätskultur auch auf dem Land zu gewinnen, sei eine vereinte Anstrengung notwendig.